16. Februar 2003: Eissturm in Lexington

Diesmal hat es uns aber wirklich erwischt. Wir haben einen Eissturm hier in Lexington und die Bürgermeisterin hat den Notstand ausgerufen (Diesmal mal ganz real und nicht nur weil die Leute damit nicht umgehen können). Schaut euch auch die Fotos in unserem Photoalbum an.

Also noch mal ganz von vorne:

Sonntag morgen wachen wir auf. Wir hören schon seit gestern abend den Regen an unser Haus pladdern. Als wir unsere Jalousien hochziehen, sind wir ganz fasziniert: Alle Bäume haben einen Eisüberzug. Sieht wirklich toll aus. Fehlt eigentlich nur ein wenig Sonne und alles würde wunderschön glitzern.

Wir frühstücken ganz in Ruhe. Telefonieren erstmal über Picophone mit meinen Eltern. Das Radio dudelt die ganze Zeit vor sich hin und eigentlich ist nichts anders als sonst. Doch, zwei unserer Standard-Radiosender senden heute nicht. Die müssen wohl ein paar Probleme mit dem Eis haben. Da wir in einigen Tagen für unser Projekt einen Bericht abgeben müssen, beschliessen wir an die Uni zu fahren um ein wenig zu arbeiten.

Nachdem wir unser Auto freigekratzt haben, fahren wir los. Und da kommt die erste Überraschung: Einer der Bäume in unserem Appartmentkomplex ist umgekippt. Einer ????!!!!! Wir sehen jetzt mindestens vier umgekippte Bäume oder Bäume mit abgeknickten Ästen! Da vorne ist ein Baum auf parkende Autos gefallen. Schluck! Wir fahren trotzdem weiter.

Es wird immer schlimmer. In der ganzen Stadt sind Bäume umgefallen oder Äste abgebrochen. Viele Ampeln sind auch ausgefallen. Nur unser Radiosender dudelt immer noch vor sich hin und sagt immer noch nichts von dem Eis. Komisch. Dabei ist das doch ein Lokalsender. Der hätte uns ja mal sagen können, dass wir heute besser nicht auf die Strasse gehen sollten! Kurz vor der Uni fahren wir durch eine Alleestrasse. Cooper Street. Das ist ja nicht zu glauben. Unmengen von Ästen auf der Strasse, Eissplitter überall. Wir müssen im Zickzack durch die Strasse fahren und beschliessen schon mal, dass wir einen anderen Weg zurücknehmen werden. Ich versuche all das zu fotografieren. Plözlich wird Jens schneller. Da ich mich auf den Fotoapparat konzentriert habe, habe ich nicht wie er gesehen, wie neben uns ein dicker Ast auf die Strasse gefallen ist.

Auch an der Uni selbst haben alle Bäume die Äste fast auf dem Boden hängen. Das Eisgewicht zerrt alles runter. Auch hier sind viele Bäume umgekippt oder auf halber Höhe abgebrochen. Ich steige aus und mache vorsichtig ein paar Schritte, um noch mehr zu fotografieren. Jens fährt mit dem Auto ins Parkhaus. Von dort kommt er sofort wieder zurück, da er es nicht schafft, das Parkhaus über die Treppe zu verlassen. Wir beschliessen, dass es wohl doch sicherer ist, wieder nach Hause zu fahren.

Endlich ein Tipp aus dem Radio. Die Schwesterstation unseres Senders auf AM bringt den ganzen Tag Nachrichten und wer sich informieren möchte könnte ja mal auf diesen Sender schalten. Auf diesem Sender immer noch keine wirkliche Information was wirklich los ist. Wir schalten um. Eissturm in Lexington. (Das sehen wir jetzt auch) Wer nicht raus muss soll zu Hause bleiben (Warum hat uns der andere Sender das nicht gesagt, als wir noch gemütlich zu Hause sassen???) Mehrere tausend Haushalte ohne Strom! (Na, bisher hatten wir ja immer Glück) Dieser Radiosender erzählt uns auch endlich, was der andere uns verschwiegen hat, was wir uns aber seit der ersten ausgefallenen Ampel gefragt haben: Da es keine Verkehrsschilder gibt, die in so einem Fall den Verkehr regeln, wird eine solche Kreuzung automatisch zu einem 4-way-stop, d.h., alle müssen anhalten, und wer als erstes die Halte;linie erreicht, darf als erstes fahren. Funktioniert normalerweise ganz gut, aber diese Regel (für ausgefallene Ampeln) kannten wohl auch viele Einheimische nicht. Daher mussten wir besonders vorsichtig fahren. Wir haben es glücklich wieder bis nach Hause geschafft und unser Auto weit weg von irgendwelchen Bäumen geparkt.

In der Wohnung haben wir dann unser Laptop wieder ausgepackt, das alles mussten wir doch mal meinen Eltern direkt erzählen. Tja, kaum war der Computer an, flickerte das Licht noch zweimal und wir waren ohne Strom. Hmmm, da kann man erst mal nicht viel machen. Wir haben es uns also mit Büchern auf dem Sofa gemütlich gemacht. Nebenbei haben wir die ganze Zeit diesen Info/Nachrichten Radiosender laufen. So gegen drei Uhr nachmittags haben die einen Bericht, dass momentan 47.000 Kunden der Elektrizitätswerke ohne Strom sind (Sind das 47.000 Haushalte oder 47.000 Leute, so wie die das erzählen klingt es nach 47.000 Haushalten, Schluck!!!) Die Stromausfälle würden auf jeden Fall mehrere Stunden, für manche sogar mehrere Tage andauern! Das klingt ja nicht gerade ermutigend! Zunächst fahren wir dann doch noch mal in den Supermarkt, (der wohl ein Notstromaggregat hat) und kaufen Batterien für das Radio und die Taschenlampe. Batterien gibt es nur noch vor einer geschlossenen Kasse, die die meisten Leute wohl übersehen haben. Die richtige Batterienabteilung ist völlig geräubert. Brot kaufen wir auch, auf warmes Essen werden wir anscheinend heute verzichten müssen. Die Idee, Grillkohle zu kaufen hatten wohl viele andere auch, die ganze Abteilung mit Grillkohle, Grillanzündern, Feuerholz und ähnlichem ist total leergeräumt.

Wieder zu Hause. Langsam wird es etwas kälter in der Wohnung. Wir stellen fest, das ein Badezimmer ohne Fenster nicht nur den Nachteil hat, das man es nicht besonders gut lüften kann, sondern dass man bei Stromausfall auch mit Kerze auf's Klo gehen muss :-) Wir denken ein wenig über den Inhalt unseres Gefrierfachs nach: Wir waren vorgestern beim Aldi und das Fach ist bis obenhin voll. Unter anderem (hier gibt es ja immer nur so Mega-Packungen zu kaufen) ein Paket mit 54 Fischstäbchen und ein Karton mit 20 Frühlingsrollen! Tja, wenn wir tatächlich länger ohne Strom sind, müssen wir uns jemanden mit Strom suchen und eine Fischstäbchenparty veranstalten! Aber noch ist es ja nicht soweit.

Als die Temperatur auf 16 Grad Celsius runter ist, machen wir den Kamin an. Mit dem kleinen Feuerchen und in unsere Schlafsäcke eingemummelt lässt es sich wohl aushalten. Im Radio unken sie über einen Babyboom um den 15. November herum, erst Valentinstag und dann Eissturm in Lexington.

Da kann man auch anrufen wenn man Fragen hat oder Tipps... Da gibt es dann die Leute, die sich im Walmart einen DC-AC-Wandler gekauft haben, wie man ihn auch beim campen benutzen kann. Dann haben sie ihr Auto angeschmissen, den Adapter in den Zigarettenanzünder gesteckt und eine Verlängerungsschnur in ihr Haus gelegt. Nun ratet doch mal was sie daran angeschlossen haben... richtig den Fernseher!

Hauptsächlich wohl für Familien mit kleinen Kindern oder für alte Leute werden Notunterkünfte bereitgestellt. Im Radio werden Listen verlesen, welche Schulen und Firmen morgen geschlossen haben. Viele Hotels sind ausgebucht, weil es wohl vielen zu Hause zu kalt ist. So gegen 8 Uhr abends sind ca. 50.000 Haushalte ohne Strom und die Bürgermeisterin verkündet den Notstand für Lexington! Selbst die University of Kentucky hat bekannt gegeben, dass morgen aller Unterricht ausfällt und nur die Angestellten kommen müssen, die für die Betriebssicherheit (Notstromaggregate und ähnliches) zuständig sind. Wenn wir morgen immer noch ohne Strom sind fahren wir wahrscheinlich trotzdem an die Uni, da können wir uns wenigstens einen Tee kochen und es ist warm.

10 Uhr abends, wir mummeln uns in unserem Bett ein.

17. Februar: kurz vor sechs: Welch herrliches Geräusch: Ich werde vom Brummen unserer Heizung wach, unser Strom ist seit einigen Minuten wieder da! Zwei Stunden später ist die Wohnung wieder warm und wir stehen auf. Draussen ist immer noch alles von Eis überzogen, da wir es jetzt warm haben, werden wir uns hier zu Hause einigeln. Die meisten anderen sind nicht so glücklich wie wir. Über Nacht sind noch mehr Stromleitungen zertört worden, obwohl die Leute vom Elektrizitätswerk die Nacht durchgearbeitet haben, sind jetzt 60.000 Leute ohne Strom!

17. Februar, 9 Uhr abends. Wir hatten glücklicherweise keine weiteren Stromausfälle. In der Stadt ist die Situation immer noch chaotisch. Wenn für 2000 Haushalte der Strom wieder angeht, fällt am anderen Ende der Stadt ein Baum um und 2000 andere Leute sind wieder stromlos. Immer noch 56.000 Haushalte ohne Strom! Auch morgen brauchen wir noch nicht wieder an die Uni zu gehen. Drückt uns die Daumen, dass der Strom nicht wieder ausgeht.